Medien

Bilder sind die ansprechendste Sprache überhaupt. Wir können die Augen vor ihnen nicht verschliessen, sie werden unabhängig von Lese- oder Sprachfähigkeit unmittelbar verstanden und sprechen nicht nur den Intellekt an, sondern auch die Emotionen. Bilder vermitteln uns daher sehr eindringlich, was und wie Frauen oder Männer ‚sind‘.

Im Fernsehen erscheinen Frauen überwiegend als junge, attraktive und charmante Moderatorinnen. Männer dagegen sind Experten, die aus Krisengebieten berichten. Zudem werden Frauen tendenziell als Opfer oder in Zusammenhang mit Kulturthemen gezeigt, Männer wiederum bei Abstimmungsanalysen.

Seriöse Medienschaffende haben den Anspruch, ausgewogen und neutral über Ereignisse zu berichten. Doch in Bezug auf Geschlechterrollen ist diese Berichterstattung oft alles andere als neutral oder reflektiert. Wenn Medienschaffende nicht auf die möglichen Auswirkungen ihrer Arbeit sensibilisiert sind, werden Geschlechterbilder und Stereotypen rezipiert und zementiert.
Bilder und Bildausschnitte vermitteln den Leser_innen zusammen mit Sprache ein Bild davon, wie die Gesellschaft ist. Meistens ist man sich aber nicht bewusst, dass Medienbilder konstruiert und inszeniert sind und nur einen Teil der Realität wiedergeben.

Bilder

Die Bilder des letzten G20-Gipfels in Mexiko legen es an den Tag:
Dieser Bildausschnitt zeigt eindeutig: Politik und wichtige Reden zu halten ist Männersache. Sensibilisierte Medienschaffende würden hier bewusst darauf warten, dass eine der vier Frauen an das Rednerpult tritt. Damit wäre zwar nur eine Frau auf dem Bild, hierarchisch wäre sie jedoch höher gestellt, denn die Männer sind als Zuhörer abgebildet. Damit würde das Bild einerseits zwei Geschlechter zeigen, andererseits auch die traditionelle Hierarchie umkehren.

Dieses Bild kann man so und so interpretieren. Zwei Frauen bei einer Plauderei oder zwei Politikerinnen, die die Auswirkungen der Euro-Krise diskutieren. Ehrlich: Was dachtest du als erstes, beim Betrachten dieses Bildes?
 

 

Die Kehrseite: Vier Frauen auf dem offiziellen Gruppenbild, jedoch keine einzige bei einer Business Innovation Challenge-Auszeichnung!

 

 

 

Bilder in den Medien vermitteln uns, wer die Macht und wer das Sagen hat. Selbst wenn Frauen auf den Bildern sind, sind wir in aller Regel so konditioniert, dass wir in stereotypen Bahnen denken. D.h. je nach Geschlecht der dargestellten Person interpretieren wir einen Austausch als ’blosse Plauderei‘ oder aber als relevanten Austausch.

Ein anderes Bild, jedoch mit verräterischem Text:
Auf diesem Bild sieht man Bundeskanzlerin Angela Merkel und Christine Lagarde, die Chefin des IWF, über die Geschäfte reden. Die Schlagzeile verrät es: „Krisen-Gespräch der mächtigsten Frauen“, titelt Bild.de. Dass Männer mächtig sind, muss normalerweise nicht speziell betont werden, denn sie haben die Macht per Definition. Das Bild allein zeigt zwar bereits, dass Frauen durchaus ohne Männer Entscheide zur Euro-Krise treffen können, doch die Schlagzeile muss den Fakt erklären und weist ihn damit als besonders aus.

Sprache

Die Sprache (und mit ihr die Schrift) ist nach den Bildern die stärkste Überbringerin von Botschaften, die zementieren, wie Frauen und Männer ‚sind‘. Umso wichtiger ist auch hier der bewusste Umgang mit den Geschlechtsbezeichnungen. Doch in den meisten Medien wird praktisch ohne Ausnahme die männliche Form verwendet. Die weibliche Form kommt erst zum Zuge, wenn von Frauen als Opfer die Rede ist. Auch eine unmissverständliche Aussage.

Was von der Norm abweicht, wird kommentiert

Da für Frauen und Männer unterschiedliche Normen gelten, wird anders über sie geschrieben. Bei Politikerinnen ist die Kleidung oder die familiäre Situation stets einige Zeilen wert, während Politiker oder Wirtschaftskapitäne selten entsprechende Fragen oder Kommentare über sich ergehen lassen müssen. Es entspricht nun mal dem Rollenbild der Frau, dass sie an ihrer Attraktivität gemessen wird, auch ist sie selbst in einer Kaderposition für die Familie verantwortlich, während bei Männern primär die berufliche Leistung im Vordergrund steht.

Wer macht News? Wer wird dargestellt?

Du denkst, das ist alles übertrieben? Das Global Media Monitoring Project erfasst an einem beliebigen Stichtag wie Männer und Frauen in den Medien dargestellt werden, wer Medien macht und zeichnet. Demnach beträgt der Anteil der Journalistinnen in der Deutschschweiz 23%, in der Romandie 31% und im Tessin vorbildliche 44%. In den Deutschschweizer Medien sind 83% der Experten Männer. Frauenstimmen sind dagegen als Kulturschaffende oder Moderatorinnen präsent.

«Wir finden keine Frau» - Gilt nicht!

Mit solchen Rollenverteilungen werden ausschliesslich die traditionellen Bilder rezipiert und zementiert. Frauen haben in politischen Sendegefässen weniger Redezeit, sie treten kaum als Expertinnen auf und sind zahlenmässig untervertreten. Beschwerden und Proteste werden in aller Regel mit den Argumenten beantwortet, dass es eben schwierig sei, Frauen zu finden, die sich als Expertinnen eignen würden, dass sich keine Frau zur Verfügung stelle und dass Frauen den harten Schlagabtausch in den einschlägigen Sendegefässen generell meiden würden. Wir finden, dass in diesem Fall die Sendekonzepte überprüft werden müssten. Man findet nämlich durchaus hervorragende Frauen, wenn man sie denn finden will. Und das Problem der gleichlangen Redezeit ist schliesslich nicht das Problem der auftretenden Person, vielmehr ist die mangelnde Sensibilität der Moderator_innen oder Sendungsmacher_innen Grund dafür.

Geschlechterrollen und Stereotype zu ändern ist eine anspruchsvolle Aufgabe, deshalb muss ihr besondere Aufmerksamkeit zukommen. Mit lapidaren Entschuldigungen wie ‚wir finden halt keine Frau‘, ist das Problem nicht gelöst. Die Medien und mit ihnen die Medienschaffenden haben eine gesellschaftliche Verantwortung, daher müssen sie sich mit der Problematik ernsthaft und gewissenhaft auseinandersetzen. Es braucht Konzepte, es braucht den politischen Willen der Medienschaffenden und es braucht den klaren Auftrag: Wir wollen geschlechtergerechte Berichterstattung und wir setzen alles daran, dies zu erreichen! Beispielsweise auch mit obligatorischen Weiterbildungen.