Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Haushalt

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gilt fast ausschliesslich als Frauenthema. In den meisten Köpfen haust noch das Idealbild der Kleinfamilie aus den 50er Jahren. Es geht nicht darum, Menschen zu verurteilen, weil sie dieses Ideal für sich haben und leben, das Problem ist vielmehr, dass die Realität meistens anders aussieht, sich die Strukturen dabei jedoch nach wie vor an der Kleinfamilie orientieren. Ob Alleinerziehend, Patchwork- oder Regenbogenfamilien, all diese Familienformen sind heute keine Einzelfälle mehr, sondern die Regel.

 

Traditionelle Arbeitsteilung

Gemäss Bundesamt für Statistik (BFS) arbeiteten 2007 gerade 9% der Väter, die in einer Partnerschaft leben und mindestens ein Kind unter 7 Jahren haben, Teilzeit oder waren nicht berufstätig. Mütter in der gleichen Situation waren zu 35% nicht berufstätig und nur zu 11% Vollzeit angestellt. Teilzeitarbeit ist jedoch sowohl bei Müttern als auch bei Vätern ein langsam steigender Trend. Um diesen Trend zu unterstützen und somit beiden Elternteilen neben ihrer Erwerbsarbeit auch Zeit für ihre Kinder zu ermöglichen, braucht es zusätzliche Anstrengungen von Seiten der Politik, der Wirtschaft und den Sozialpartnern (Arbeitnehmer_innenverbände und Gewerkschaften).

Politik und Wirtschaft müssen mitziehen

Um sowohl der veränderten Erwerbssituation als auch den vielfältigen Familienformen gerecht zu werden, sind also strukturelle Massnahmen gefragt. Einerseits muss die Politik Familien konsequent unter die Arme greifen, will sie ihrem Credo nach mehr Kindern tatsächlich gerecht werden. Hierzu müssen genügend Betreuungsplätze zur Verfügung stehen und zwar zu Konditionen, die nicht nur Eltern nutzen können, die überdurchschnittlich viel verdienen. Zudem muss auch die Wirtschaft ihren Beitrag zu Vereinbarkeit von Beruf und Familie erhöhen. Alle Elternteile sollen ihre Kinder betreuen können, Care-Arbeit (Betreuungs-, Pflege-, Sorge- und Beziehungsarbeit) leisten, einem Beruf nachgehen und dennoch über genügend Freizeit verfügen. Moderne Kommunikationsmittel, Jahresarbeitszeit, Job-Sharing, Homework und vernünftige Arbeitgeber_innen, die keine 12-Stunden-Tage von ihren Kaderleuten erwarten, müssen es möglich machen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, ohne dass die Belastungen für die Einzelnen ständig zunehmen. Von den Sozialpartnern verlangt dies, dass auch sie für diese Forderungen einstehen und bereit sind, diese notfalls auf der Strasse einzufordern.

Von Vätern, Grosseltern und Tanten

Neben den strukturellen Massnahmen muss aber auch das Elternbild in unserer Gesellschaft korrigiert werden. Mütter sind keinesfalls die einzigen Bezugspersonen ihrer Kinder, dazu gehören auch Väter, Grosseltern, Tanten, Onkel, Freund_innen, Tageseltern etc. – die Palette ist riesig! Doch solange Frauen Schwierigkeiten haben, neben der Mutterschaft auch einer attraktiven Arbeit nachzugehen, suchen sie ihre Erfüllung und Anerkennung in der Mutterrolle. So monopolisieren sie naheliegenderweise den Beruf ‚Mutter‘ und behaupten alleiniges Expertentum. Könnten Männer Teilzeit arbeiten und sich daneben um ihre Familie kümmern, ohne dafür belächelt zu werden, würde dies ihre Position innerhalb der Familie massgeblich stärken. Im Scheidungsfall läge dann auch das geteilte Sorgerecht auf der Hand, viel mehr jedenfalls, als wenn Väter erst bei der Scheidung auf ihre Vaterrolle pochen.

Eine Gesellschaft frei von Sexismus wäre eine Gesellschaft, in der Familien ihre Rollenteilung selbstbestimmt aushandeln und dabei nicht von gesellschaftlichen Zwängen und althergebrachten Geschlechterrollen in eine Richtung getrieben werden.

Der Staat wünscht sich mehr Kinder, um der überalternden Gesellschaft entgegenzuwirken. Doch das Grossziehen delegiert er nach wie vor an die Mütter. Jetzt sind aber neue Modelle gefragt, die die Vereinbarkeit von Elternschaft, Berufstätigkeit und Freizeit allen ermöglicht. Hierzu sind alle gefordert: Politik und Wirtschaft, aber auch die Gesellschaft, die bereit sein muss, ihre traditionellen Rollenbilder zu hinterfragen und neue Wege in Bezug auf Geschlechterrollen auszuprobieren.