Sozialisierung

Die Sozialisierung übernimmt eine wichtige Funktion. Unsere Identität, unsere Zugehörigkeit entsteht, indem wir lernen, was in unserer Gesellschaft gilt, beispielsweise welche Regeln und was für Rechte und Pflichten wir haben. Demnach unterscheiden wir, wer ‚zu uns‘ gehört, resp. zu wem ,wir‛ gehören, oder anders herum, wer nicht ,zu uns‛ gehört, resp. wer die ‚Anderen‘ sind.

Geschlechterschubladen

Diese Schubladen sind einerseits wichtig. Wir Menschen organisieren uns immer in einer Gemeinschaft und diese kann nur über Regeln funktionieren. Daher müssen wir uns ‚anpassen‘ und ‚einpassen‘. Andererseits birgt die Sozialisierung auch eine Gefahr, nämlich insofern wir etwas sein müssen, was uns gar nicht entspricht.

Beispielsweise können diese Schubladen so eng und klar definiert sein, dass es schwierig ist, reinzupassen. Allerdings nicht für alle. Die meisten merken wahrscheinlich gar nicht, wenn die Schublade zu eng ist. Aber was ist, wenn man nicht reinpasst? Die Folge ist, dass man sich eingeengt, stets unpassend, unwohl und nicht willkommen fühlt. Es kann aber auch noch schlimmer sein: Man wird ausgeschlossen, stigmatisiert, diskriminiert, verfolgt, eingesperrt oder sogar gefoltert und getötet.

Die Schubladen verändern sich

Was in einer menschlichen Gemeinschaft Gültigkeit hat, also die Regeln des Zusammenlebens, unterliegen auch einem ständigen Wandel. Was gestern galt, ist heute nicht mehr aktuell. Im Laufe der Geschichte galten immer wieder andere Werte, so haben sich etwa die Menschen im Mittelalter anders organisiert als heute. Das hat mit der Veränderung der Normen zu tun, aber auch damit, dass sich die Umwelt stetig ändert. Das, was heute eine ‚normale‘ Kleinfamilie ist, gab es im Mittelalter in dieser Form nicht. Der Historiker Simon Teuscher beschreibt anschaulich, wie im Mittelalter homosexuelle Beziehungen nachgewiesen werden können und die Ehefrau gleichzeitig Freundschaften mit Männern und Frauen pflegte, ohne dass daran Anstoss genommen wurde(1).

 

(1) Simon Teuscher, Patchworkfamilien gab es schon im Mittelalter. Ein Blick in die Geschichte, in: Christina Caprez, Familienbande. 15 Porträts, Zürich 2012, S. 72-85.