Stereotype und Geschlechterrollen

Stereotypen sind nichts anderes als Muster, die sich so oft wiederholen, dass man sie als allgemeingültig betrachtet. Ein Stereotyp ist zum Beispiel, dass Mädchen Rosa mögen und Jungen Blau (in Italien sind die farblichen Zuordnungen genau umgekehrt). Doch die Stereotypisierung der Geschlechter geht noch viel weiter, denn Frauen und Männern werden auch Eigenschaften und Talente zugesprochen.

So gelten Mädchen als gefühlsbetont, empathisch, sanft und zart. Daraus entwickelt sich die Geschlechterrolle.

Geschlechterrolle

Frauen sind aufgrund der ihnen zugeschriebenen Eigenschaften geeignet, die Kinder grosszuziehen und den kranken Vater zu pflegen, doch müssen sie von einer starken Schulter beschützt werden, weil sie ausser Haus hilflos und schwach sind. Die Jungen dagegen werden als aggressiv, selbstbewusst, analytisch und führungsstark kategorisiert. Sie sind also dazu bestimmt, ausser Haus Karriere zu machen, eine Firma zu leiten und die Familie zu ernähren. Solche Schubladisierungen haben jedoch letztlich nichts mit den Talenten und Interessen der einzelnen Frau oder des einzelnen Mannes zu tun.

Gerade öffentlichen Personen, die nicht eindeutig in eine der beiden Schubladen passen, müssen sich immer wieder die gleichen Fragen gefallen lassen. Bei Frauen, die mehrere Kinder haben und gleichzeitig einer qualifizierten Arbeit nachgehen (beispielsweise die deutsche Familienministerin Ursula von der Leyen), fragt man sich stets: Wie schafft sie das? Ist sie eine Rabenmutter? Hat sie nicht ein schlechtes Gewissen? Wie geht ihr Mann mit der Kinderbetreuung um? Wann ist sie überhaupt für die Familie und für ihren Mann da? Einem Mann und Familienvater werden solche Fragen nie gestellt. Oder hast du dich schon einmal gefragt, wie oft etwa Bundesrat Alain Berset seine Kinder abends ins Bett bringt?

Ein gefundenes Fressen für die Presse

Die Presse liefert uns täglich weitere Beispiele dafür, dass das Bild von Frauen und Männern von Stereotypen geprägt ist. So titelt der Tagesanzeiger am 22. Juni 2012: „Ein Glamourgirl ist sie sicher nicht“. Dabei ist die Rede immerhin von Bundesrätin Eveline-Widmer Schlumpf. Weiter heisst es im Artikel, die Bundesrätin sei zwar in Personalfragen eiskalt, bei öffentlichen Auftritten wirke sie dagegen wie Aschenputtel. Wer käme auf die Idee, die Kompetenzen eines Bundesrates mit den Eigenschaften eines Glamourboys abzugleichen? Ein Bundesrat, der in Personalfragen eiskalt ist, ist nicht der Rede wert, denn er entspricht damit dem männlichen Klischee. Eine Frau dagegen muss sich dafür stets rechtfertigen. Beliebter Gesprächsstoff in den Medien ist auch die Kleidung der Nationalrätinnen oder die Frisur von Altbundesrätin Micheline Calmey-Rey.

,Frau' und ,Mann' fallen nicht vom Himmel

Wir fallen nicht einfach als Frau oder Mann vom Himmel. Die gesellschaftlich gültige Vorstellung davon, was männlich oder weiblich sei, sieht in jeder Gesellschaft oder Gemeinschaft anders aus. Sie setzt sich aus drei wesentlichen Faktoren zusammen. Diese drei Faktoren sind erstens unsere persönlichen Biographien, zweitens die Normen und Werte, die in unserer Gesellschaft und in unserem Umfeld Gültigkeit haben (beispielsweise durch die Religion vorgegeben), und drittens das strukturelle Rahmenwerk, damit meinen wir den Staat mit seinen Gesetzen und Regeln.

Wie es früher war - und heute noch ist?

Die Erwartungshaltungen an die Geschlechter haben sich im Laufe der Geschichte stark verändert und unterscheiden sich von Kultur zu Kultur. In der Schweiz war es seit Beginn des 20. Jahrhunderts üblich, dass Frauen zu Hause die Kinder grosszogen und den Haushalt besorgten, während die Männer ausser Haus einer Erwerbsarbeit nachgingen. Dies entsprach mehrheitlich den persönlichen Biographien. Die Rollen waren klar verteilt und wurden etwa mit Hinweisen auf die Bibel, wonach die Frau dem Mann zu gehorchen habe, untermauert. Dies manifestierte sich im Ehegelöbnis und schlug sich auch im Gesetz nieder. Der Ehemann galt als Oberhaupt der Familie und entschied, ob seine Frau ausser Haus einer Erwerbsarbeit nachgehen durfte. Doch nicht nur die Frau wurde geächtet, wenn sie selber Geld verdiente, auch ihr Mann musste einstecken, denn damit galt er als unfähig, seine Familie zu ernähren, hatte also als Oberhaupt der Familie versagt.