Fotografie zvg. Demonstration: „Liberty for O. – Lesbischschwultransqueerer Tanzspaziergang zum Antinationalen Tag gegen Homo- und Transphobie“, Bern, 16. Mai 2015.Kolumnistin Pony M. über selbstbestimmte Lebensentwürfe, unabhängig vom Geschlecht. Und über jene, die dieses Privileg nicht geniessen.

25. November 2015

 

Wenn ich als Kind gefragt wurde, was ich einmal werden möchte, sagte ich: «Rennfahrerin! Oder Tierdomptöse! Oder Pilotin!», und obwohl man wusste, dass ich wahrscheinlich keinen dieser Berufspfade bis zum Ende verfolgen würde, hörte man mir zu. «Du kannst alles werden, was du willst», sagten meine Eltern, «genau wie dein Bruder.»

Ich wurde dann Primarschülerin und dann Sekschülerin und dann Gymischülerin und dann Studentin der Sprachen, dann kurz Lehrerin und dann Studentin der Psychologie. Dann Doktorandin, dann HR-Psychologin, dann Kolumnistin, dann Stand-Up Comedienne.

Ich sass mit Mehrfachmördern am Tisch, verschaffte Uniabgängern ihren ersten Job und arbeitete mit Jugendlichen mit Prüfungsangst. Ich stiess an Grenzen, gab Dinge auf, weil ich sie nicht bewältigen konnte.

Wenn ich gescheitert bin, dann wegen mangelnden Könnens oder Desinteresse. Manchmal musste ich mir sagen: «Du kannst das nicht!», aber nie musste ich mir sagen: «Du kannst das nicht, weil du eine Frau bist!»

Ich stehe jeden Tag auf. Stehe auf, aus meinem eigenen Bett, das ich mir von Geld kaufen konnte, das ich selbst verdient habe. In einem Job, der mich erfüllt, nach einer Ausbildung, die ich frei wählen konnte.

Ich ziehe die Kleider an, die mir gefallen. Hosen, Röcke, kurz, lang. Stecke meine Haare hoch oder trage sie offen, schminke mich genau so, wie ich will.

Ich bewege mich völlig frei durch meinen Alltag, muss nicht überlegen, wo ich hingehe, in welche Geschäfte, zu welcher Urzeit und in welcher Begleitung.

Ich kann mir auch meine Partner frei wählen, sei es für sexuelle oder für Liebesbeziehungen. Männer oder Frauen. Ich kann mit nachhause nehmen, wen ich will, bin ihm oder ihr nachher zu nichts verpflichtet.

Natürlich bringt mein Leben moralische Verpflichtungen mit sich.

Ich sollte nicht lügen. Ich sollte nicht fluchen. Und ich sollte nicht mit verheirateten Männern schlafen. Trotzdem kann ich all das tun, ohne um mein Leben zu fürchten. Zu keinem einzigen Augenblick.

Ich kann von mir behaupten, dass mein Geschlecht nie ein Nachteil war, ich von guten, liebevollen Männern umgeben aufgewachsen bin, ich Auseinandersetzungen primär mit Menschen hatte, nicht mit ihrem Geschlecht…

Als man meine Mutter fragte, was sie einst werden wolle, sagte sie: «Ich will Sprachen studieren.» Nein, hiess es da, du wirst Primarlehrerin. Und so wurde meine Mutter Primarlehrerin. Erst danach studierte sie Sprachen.

Als man meine Grossmutter fragte, was sie einmal werden wolle...

Nein. Man fragte meine Grossmutter gar nicht erst.

Und so geht es noch immer Millionen von Mädchen auf der ganzen Welt. Vergessen wir nicht, dass wir die Spitze des Eisbergs sind. Die Privilegiertesten unter den Privilegierten.

Und vergessen wir vor allem die nicht, die es nicht sind.

 

Yonni Meyer (*1982) ist Psychologin und Kolumnistin. Sie schreibt von Satire über Gedichte bis Gesellschaftskritik, u.a. für das Newsportal «watson» und die deutsche «Huffington Post». Gender-Debatten gehören zu ihren Kernthemen. 2014 war sie für den Swiss Women’s Award nominiert.

Kommentare  

 
#1 Chris King 2015-11-29 00:37
Genau das Fehlen dieser Privilegien treffen wir auf unserer Weltreise durch Asien immer wieder an. Aber es trifft nicht nur die Frauen. Auch Männer werden zwangsverheirat et oder verlieren ihre Unabhängigkeit oder Entscheidungsge walt. Darum empfinde ich es als Gesellschaftspr oblem und nicht einfach als Unterdrückung der Frau.
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