Fotografie zvg. Demonstration: „Liberty for O. – Lesbischschwultransqueerer Tanzspaziergang zum Antinationalen Tag gegen Homo- und Transphobie“, Bern, 16. Mai 2015.

Gedanken der Historikerin Leena Schmitter über ein Unbehagen mit aktuellen Diskussionen und ein Plädoyer für mehr Tiefenschärfe.

7. Oktober 2015

 

 

 

Spätestens seit der Renaissance des Freisinns mit Operation Libero wissen wir: Homos sind genau so langweilig wie Heten. Oder anders formuliert: Die so genannte Ehe für alle scheint mehrheitsfähig.  Niemand hat doch etwas gegen persönliche Freiheitsrechte, die freie Gestaltung des Lebens und die rechtlichen Gleichstellung von Beziehungen. „On a rainbow we'll be dancing / And hold each others hands  / On a rainbow we'll be dancing / Carried by our friends“ heisst es im sepiagefärbten Soundtrack zu „Ehe für alle“.

 

Mini Farb und dini...
Der Regenbogen, das scheint bei den aktuellen Debatten allzu rasch in den Hintergrund zu geraten, ist aber (nur) eine optische Erscheinung. Tiefenschärfe ist gefragt! In den laufenden Debatten fehlen nicht nur die grossen Utopien und kleinen Visionen. Wir laufen Gefahr, uns nur an eine heterosexuelle Norm (oder eher: bürgerliche Phantasie) anzupassen, anstelle uns an Lebensentwürfen jenseits der traditionellen Zweierkiste zu orientieren, die längst eine Lebensrealität sind – und zwar eine homo- wie heterosexuelle.
Versteht mich nicht falsch – sässe ich im nationalen Parlament, zögerte ich nicht, den grünen Knopf zu drücken. Ich war auch vor dem Bundeshaus bei der Überreichung der Petition „Ehe für alle“, denn auch Homos wollen ein Stück vom Kuchen – die Süsse der verteilten Hochzeitstorte schlug mir dann aber doch etwas auf den Magen. Doch weshalb?

 

Back to the Future!

In der Frühen Neuzeit gehörten auch Nicht-Verwandte, die zusammen unter einem Dach wohnten und zusammen die wirtschaftliche Produktion ausmachten, zur Familie – etwa auch Knechte und Mägde. Für das 17. und 18. Jh. spricht man in der historischen Forschung vom Konzept des „Ganzen Hauses“. Dies umfasste die Einheit von Produktion und Reproduktion, die sich – unter der Führung des Hausvaters, notabene – als Familie konstituieren. Erst Ende des 18. Jh. setzte ein ideengeschichtlicher Wandel ein: Anstelle des alten Familienbegriffs etablierte sich ein neues Orientierungssystem, das die Geschlechterrollen betrifft: die „Geschlechtscharaktere“. 

Die enge Kooperation zwischen Hausmutter und Hausvater in der Ökonomie des Ganzen Hauses wich einer universellen Differenzierung männlicher und weiblicher Tätigkeitsbereiche – dem öffentlich agierenden Mann, der ausserhäuslich tätig ist und zweckrational handelt und der liebevollen und fürsorglichen Gattin und Mutter, die verantwortlich ist für Reproduktion. Die Geschlechtscharaktere legitimieren die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und liessen diese als „natürliche“ Ordnung erscheinen – ein Paradigma oder Deutungsmuster, das bis heute unter wandelnden Prämissen ihre Gültigkeit hat. Ein Gemisch aus Biologie, „Bestimmung“ und „Wesen“ zielt(e) darauf ab, Merkmale von Männern und Frauen auf eine „naturgegebene“ Ordnung zurückzuführen.

Eine historische Perspektive zeigt also die Zeit- und Ortabhängigkeit verschiedener Lebens- und Familienformen, die zur Frage führt, die wir uns meines Erachtens stellen sollten: Welche Beziehungsethik möchten wir denn genau?

 

Ehe – Liebe – Familie: Beziehungsethik reconsidered
Die Ehe ist eine Vertragsform, die eine Verbindung zweier Menschen gesetzlich regelt. Als Lebensgemeinschaft schafft sie Verbindlichkeiten und Anerkennung. Liebe hingegen, ist eine intensive, intime Beziehung zwischen Menschen, die keinen anderen Zweck hat als sich selbst.  Die romantische Vorstellung von Exklusivität ist es, die einen Strich durch die Rechnung macht, aber letztlich ist Liebe zeitlich zufällig. Familie, schliesslich, umfasst diejeningen Menschen, mit denen ich Lust habe, ein Stück meines Lebens zu teilen, Verantwortung zu übernehmen und verbindlich zu leben. Sie soll auch rechtliche Absicherung bieten und anerkannt sein. 
Die jetzt diskutierte Erweiterung der Ehe auf homosexuelle Zweierpaare ist womöglich ein Anfang. Was wir aber brauchen ist die Offenheit für verschiedene Gemeinschaftsformen. Diese Verantwortungsgemeinschaften umfassen vielfältige Familien- und Beziehungsmodelle, in denen Menschen diverser Geschlechtsidentitäten und -rollen aufeinander achtgeben. Dies können Freund_innen sein, die im Alter füreinander sorgen oder eine Gruppe, die gemeinsam ein Kind grossziehen möchte, Liebespaare oder -gemeinschaften. Also: behalten wir Tiefenschärfe in den laufenden Debatten und halten wir an Visionen jenseits des bürgerlichen Paar-, Geschlechter-, Wohn-, Lebens- und Familienideals fest!

 

Dr. des. Leena Schmitter ist Historikerin und Geschlechterforscherin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in der Feminismusgeschichte und der Geschichte der Sexualität. Sie ist aktiv in ausserparlamentarischen feministischen Gruppierungen und Stadträtin des Grünen Bündnis sowie Co-Fraktionspräsidentin Grünes Bündnis/Junge Alternative.

 

Kommentare  

 
#1 Nadine 2015-10-09 08:35
Ein wunderbarer Blog! Dank*
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